Instandhaltungsplanung: 10-Jahres-Plan, Priorisierung und Rücklagenberechnung
1. Warum reaktive Instandhaltung teurer ist als jeder Plan
Ein typisches Mehrfamilienhaus aus den 1970er Jahren hat heute 50 Jahre auf dem Buckel. Dach, Heizung, Fenster, Leitungen — die meisten Bauteile haben ihre technische Lebensdauer erreicht oder überschritten. Wer in einem solchen Gebäude rein reaktiv instandhält, also nur repariert, was gerade kaputtgeht, betreibt keine Verwaltung. Er betreibt Schadensbegrenzung.
Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. Reaktive Instandhaltung bedeutet:
Höhere Einzelkosten: Ein Notfall-Einsatz am Wochenende kostet das Doppelte einer geplanten Maßnahme.
Folgeschäden: Eine undichte Dachentwässerung, die sechs Monate tropft, beschädigt Fassadendämmung, Mauerwerk und Innenputz. Aus einer 2.000-Euro-Reparatur wird eine 40.000-Euro-Sanierung.
Mietminderung: Mieter haben bei Mängeln, die der Vermieter nicht zeitnah beseitigt, Anspruch auf Mietminderung — rechtlich fundiert, emotional belastend und für die Eigentümer-Verwaltung-Beziehung Gift.
Wertverlust: Ein Gebäude mit sichtbarem Instandhaltungsstau verliert bei Verkauf oder Finanzierung erheblich an Wert.
Die Alternative ist ein systematischer Instandhaltungsplan. Er prognostiziert den Erneuerungsbedarf, verteilt die Kosten auf Jahre und ermöglicht eine gezielte Rücklagenbildung. Für WEG-Verwaltungen ist er über §19 Abs. 2 Nr. 4 WEG Teil der ordnungsmäßigen Verwaltung. Für Mietverwalter gehört er zum professionellen Standard, auch wenn keine gesetzliche Pflicht besteht.
Dieser Artikel liefert die Methodik. Von der Peters-Formel über die Priorisierungsmatrix bis zum fertig kalkulierten 10-Jahres-Plan.
Tipp: Laden Sie die Checkliste herunter und arbeiten Sie jeden Punkt ab.
2. Die Peters-Formel im Detail
Herleitung und Annahmen
Die Peters-Formel wurde von dem Bausachverständigen Rüdiger Peters entwickelt und hat sich als Standardformel für die überschlägige Berechnung des Instandhaltungsbedarfs etabliert. Sie basiert auf zwei Annahmen:
Annahme 1: Im Laufe seiner Gesamtnutzungsdauer wird ein Gebäude — gemessen an den Herstellungskosten — das 1,5-fache seiner Erstellungskosten für Instandhaltung aufwenden. Der Faktor 1,5 berücksichtigt, dass nicht alle Bauteile dieselbe Lebensdauer haben und viele Bauteile während der Gebäudelebensdauer mehrfach erneuert werden müssen.
Annahme 2: Die Gesamtnutzungsdauer eines Wohngebäudes beträgt 80 Jahre. Für Gebäude in massiver Bauweise ist das ein realistischer Ansatz; für leichtere Bauweisen oder bei unterlassener Instandhaltung kann die tatsächliche Nutzungsdauer kürzer ausfallen.
Die Formel
``` Jährlicher Instandhaltungsbedarf = Herstellungskosten × 1,5 / 80 ```
Differenzierung nach Gebäudealter
Die Peters-Formel liefert einen linearen Durchschnittswert. In der Realität ist der Instandhaltungsbedarf nicht gleichmäßig verteilt. In den ersten 15–20 Jahren nach Errichtung sind die Kosten niedrig (Gewährleistungsphase, alles neu). Zwischen Jahr 20 und 40 steigen sie an (erste Erneuerungszyklen bei Heizung, Dach, Fassade). Ab Jahr 40 kumulieren sich die Erneuerungen.
Für eine realistischere Planung empfiehlt sich deshalb eine Alterskorrektur:
| Gebäudealter | Korrekturfaktor | |-------------|----------------| | 0–15 Jahre | 0,5 (halber Bedarf) | | 16–30 Jahre | 1,0 (Durchschnitt) | | 31–50 Jahre | 1,3 (erhöhter Bedarf) | | über 50 Jahre | 1,5–1,8 (Kumulationsphase) |
Die vollstaendige Checkliste steht als kostenloser Download bereit -- siehe unten.
Rechenbeispiel: Mehrfamilienhaus Berlin-Steglitz
Gebäude: 12 Wohneinheiten, 920 m² Wohnfläche, Baujahr 1985, Massivbau Herstellungskosten (inflationsbereinigt auf 2024): 2.200.000 €
``` Grundbedarf: 2.200.000 € × 1,5 / 80 = 41.250 €/Jahr Gebäudealter: 39 Jahre → Korrekturfaktor 1,3 Korrigierter Bedarf: 41.250 € × 1,3 = 53.625 €/Jahr Pro m² und Jahr: 53.625 € / 920 m² = 58,29 €/m²/Jahr Pro m² und Monat: 4,86 €/m²/Monat ```
Zum Vergleich: Die Zweite Berechnungsverordnung (II. BV) nennt für Gebäude ab Baujahr 1980 eine Pauschale von 9,21 €/m²/Jahr. Dieser Wert ist seit Jahrzehnten nicht angepasst worden und deckt in den meisten Fällen nicht einmal die Hälfte des tatsächlichen Bedarfs.
Wenn die Herstellungskosten unbekannt sind
Bei Altbauten sind die originalen Herstellungskosten oft nicht mehr verfügbar oder wegen der Inflation nicht aussagekräftig. In diesem Fall können Sie den Sachwert aus der aktuellen Wertermittlung verwenden oder — als grobe Annäherung — die aktuellen Baukosten nach BKI (Baukosteninformationszentrum) für einen vergleichbaren Neubau ansetzen.
Für 2024/2025 liegen die durchschnittlichen Herstellungskosten für Mehrfamilienhäuser (mittlerer Standard) bei ca. 2.200–2.800 €/m² Wohnfläche, ohne Grundstück. In Ballungsräumen können sie deutlich höher liegen.
3. Gewerke und ihre Lebenszyklen
Die Instandhaltungsplanung erfordert eine differenzierte Betrachtung nach Gewerken. Jedes Gewerk hat eine eigene Lebensdauer, eigene Kosten und eigene Abhängigkeiten.
Dach
| Bauteil | Lebensdauer | Erneuerungskosten (ca.) | |---------|------------|------------------------| | Flachdach, Bitumen-Schweißbahn | 20–25 Jahre | 80–120 €/m² | | Flachdach, Kunststoffbahn (PVC/EPDM) | 25–35 Jahre | 90–130 €/m² | | Steildach, Betondachstein | 40–50 Jahre | 120–180 €/m² | | Steildach, Tonziegel | 50–70 Jahre | 140–220 €/m² | | Dachentwässerung (Rinnen, Fallrohre) | 25–35 Jahre | 20–40 €/lfm | | Dachflächenfenster | 25–30 Jahre | 800–1.500 €/Stück |
Planungshinweis: Dachsanierung und Dachdämmung sollten immer zusammen geplant werden. Wer das Dach neu eindeckt, ohne gleichzeitig zu dämmen, verschenkt die Sowieso-Kosten für Gerüst und Eindeckung.
Laden Sie die Checkliste herunter, damit Sie bei der Umsetzung nichts vergessen.
Fassade
| Bauteil | Lebensdauer | Erneuerungskosten (ca.) | |---------|------------|------------------------| | Fassadenanstrich (mineralisch) | 10–15 Jahre | 15–25 €/m² | | Fassadenanstrich (Silikonharz) | 15–20 Jahre | 20–30 €/m² | | Putzfassade (Erneuerung) | 40–60 Jahre | 50–80 €/m² | | WDVS komplett | 30–40 Jahre | 120–200 €/m² | | Klinkerfassade (Fugen) | 30–40 Jahre | 25–40 €/m² | | Balkonabdichtung | 15–20 Jahre | 60–100 €/m² | | Balkongeländer (Stahl, verzinkt) | 25–35 Jahre | 150–300 €/lfm |
Planungshinweis: Fassadenanstrich und Balkoninstandsetzung in einem Durchgang planen — das Gerüst steht dann ohnehin.
Fenster und Türen
| Bauteil | Lebensdauer | Erneuerungskosten (ca.) | |---------|------------|------------------------| | Fenster, Kunststoff | 30–40 Jahre | 400–700 €/m² Fensterfläche | | Fenster, Holz | 25–30 Jahre | 500–900 €/m² Fensterfläche | | Fenster, Holz-Alu | 35–45 Jahre | 600–1.000 €/m² Fensterfläche | | Haustüranlage | 30–40 Jahre | 3.000–8.000 €/Stück | | Briefkastenanlage | 20–30 Jahre | 1.500–4.000 € |
Haustechnik — Heizung
| Bauteil | Lebensdauer | Erneuerungskosten (ca.) | |---------|------------|------------------------| | Gas-Brennwertkessel | 20–25 Jahre | 15.000–30.000 € | | Ölheizung (Brennwert) | 20–25 Jahre | 18.000–35.000 € | | Wärmepumpe (Luft-Wasser) | 20–25 Jahre | 25.000–45.000 € | | Fernwärmeübergabestation | 25–30 Jahre | 8.000–15.000 € | | Heizkörper (Stahl) | 35–50 Jahre | 300–600 €/Stück | | Heizungsrohrnetz | 40–50 Jahre | 30–50 €/lfm | | Pumpen, Ventile, Regelung | 15–20 Jahre | 2.000–5.000 € |
Haustechnik — Wasser/Abwasser
| Bauteil | Lebensdauer | Erneuerungskosten (ca.) | |---------|------------|------------------------| | Trinkwasserleitung (Kupfer) | 40–50 Jahre | 40–60 €/lfm | | Trinkwasserleitung (verzinkt) | 30–40 Jahre | 40–60 €/lfm | | Abwasserleitung (Guss) | 40–60 Jahre | 50–80 €/lfm | | Abwasserleitung (KG/HT) | 30–40 Jahre | 30–50 €/lfm | | Warmwasserspeicher | 15–20 Jahre | 3.000–6.000 € | | Zirkulationspumpe | 10–15 Jahre | 300–800 € |
Alle Pruefpunkte als druckbare PDF-Checkliste im Download-Bereich.
Haustechnik — Elektro
| Bauteil | Lebensdauer | Erneuerungskosten (ca.) | |---------|------------|------------------------| | Zähleranlage/Hauptverteilung | 35–40 Jahre | 5.000–15.000 € | | Steigleitungen | 35–40 Jahre | 40–70 €/lfm | | Klingelanlage/Gegensprechanlage | 20–25 Jahre | 3.000–8.000 € | | Beleuchtung Gemeinschaftsflächen | 15–20 Jahre | 1.500–4.000 € | | Blitzschutzanlage | 30–40 Jahre | 3.000–8.000 € |
Aufzug
| Bauteil | Lebensdauer | Erneuerungskosten (ca.) | |---------|------------|------------------------| | Aufzugsanlage komplett | 25–30 Jahre | 80.000–150.000 € | | Steuerung/Frequenzumrichter | 15–20 Jahre | 15.000–30.000 € | | Kabine (Innenausstattung) | 15–20 Jahre | 8.000–15.000 € | | Türantrieb und Lichtschranken | 15–20 Jahre | 3.000–6.000 € | | Seile/Tragmittel | 10–15 Jahre | 3.000–5.000 € |
Außenanlagen
| Bauteil | Lebensdauer | Erneuerungskosten (ca.) | |---------|------------|------------------------| | Asphaltbelag Stellplätze | 20–25 Jahre | 25–40 €/m² | | Pflasterbelag Wege | 25–35 Jahre | 40–60 €/m² | | Spielplatzgeräte | 10–15 Jahre | 3.000–10.000 €/Gerät | | Müllstandsfläche (Einhausung) | 20–25 Jahre | 3.000–8.000 € | | Zaunanlage | 20–30 Jahre | 50–100 €/lfm |
4. Die Priorisierungsmatrix: Sicherheit vor Substanz vor Komfort
Rechnen Sie selbst: Der Excel-Kalkulator steht als kostenloser Download bereit.
Dreidimensionale Bewertung
Nicht jede Instandhaltungsmaßnahme hat dieselbe Dringlichkeit. Die Priorisierungsmatrix bewertet jede Maßnahme anhand von drei Kriterien:
Dimension 1 — Sicherheitsrelevanz (Gewicht: 50 %) Kann die Unterlassung zu Personenschäden führen? Wenn ja, ist die Maßnahme immer Priorität 1, unabhängig von Kosten und Zeitpunkt.
3 Punkte: Direkte Gefahr für Leib und Leben (defekte Gasleitung, fehlendes Treppengeländer, schadhafte Elektrik)
2 Punkte: Mittelbare Gefahr (fehlende Beleuchtung, schadhafte Bodenbeläge mit Stolpergefahr)
1 Punkt: Geringe Gefahr (optische Mängel ohne Sicherheitsrelevanz)
0 Punkte: Keine Sicherheitsrelevanz
Dimension 2 — Substanzgefährdung (Gewicht: 35 %) Führt die Unterlassung zu Folgeschäden an der Bausubstanz? Wassereintritt durch ein undichtes Dach schädigt Dämmung, Holzkonstruktion, Mauerwerk und Innenausbau. Die Folgekosten übersteigen die Instandhaltungskosten oft um den Faktor 5 bis 10.
3 Punkte: Akuter Substanzschaden mit Folgerisiko (Wassereinbruch, Schimmelbildung, Fundamentschäden)
2 Punkte: Schleichender Substanzabbau (Korrosion, Frostschäden an Fassade, undichte Fugen)
1 Punkt: Abnutzung ohne akute Folgeschäden
0 Punkte: Rein optischer Verschleiß
Dimension 3 — Wirtschaftlichkeit (Gewicht: 15 %) Ist die Maßnahme wirtschaftlich sinnvoll, weil sich durch Kombination mit anderen Arbeiten Kosten sparen lassen? Oder weil eine Verzögerung die Kosten überproportional steigen lässt?
3 Punkte: Erhebliche Kostenersparnis durch sofortige Umsetzung (z. B. Dachdämmung bei ohnehin fälliger Dachsanierung)
2 Punkte: Moderate Synergien möglich
1 Punkt: Keine relevanten Synergien
0 Punkte: Aufschub ohne wirtschaftliche Folgen
Gesamtbewertung und Einordnung
``` Prioritätswert = (Sicherheit × 0,5) + (Substanz × 0,35) + (Wirtschaftlichkeit × 0,15) ```
| Prioritätswert | Einstufung | Handlung | |---------------|-----------|---------| | 2,0–3,0 | Sofort | Innerhalb von 4 Wochen beauftragen | | 1,5–1,9 | Dringend | Im laufenden Wirtschaftsjahr umsetzen | | 1,0–1,4 | Geplant | In den 10-Jahres-Plan aufnehmen | | unter 1,0 | Optional | Bei verfügbarem Budget umsetzen |
Anwendungsbeispiel
Maßnahme: Erneuerung der Flachdachabdichtung (Baujahr 1999, Bitumen-Schweißbahn, 26 Jahre alt)
Sicherheitsrelevanz: 1 Punkt (kein unmittelbares Personenrisiko, aber Rutschgefahr bei Wasseransammlung)
Substanzgefährdung: 3 Punkte (Wasser dringt in Dämmung und Decke ein, Schimmelgefahr in Obergeschosswohnungen)
Wirtschaftlichkeit: 3 Punkte (Kombination mit Dachdämmung spart 30 % Gerüstkosten)
``` Prioritätswert = (1 × 0,5) + (3 × 0,35) + (3 × 0,15) = 0,5 + 1,05 + 0,45 = 2,0 → Sofort ```
5. Der 10-Jahres-Plan: Aufbau und Methodik
Den Rechner fuer diese Berechnung finden Sie im Download-Bereich.
Schritt 1: Bestandsaufnahme
Erfassen Sie alle Bauteile des Gebäudes mit folgenden Informationen:
Bauteilbezeichnung und Gewerk
Baujahr oder letztes Erneuerungsjahr
Technische Lebensdauer (Sollwert)
Aktueller Zustand (Bewertungsskala 1–5: 1 = neuwertig, 5 = erneuerungsbedürftig)
Geschätzte Erneuerungskosten
Für eine professionelle Bestandsaufnahme empfiehlt sich eine Begehung mit einem Bausachverständigen. Die Kosten liegen bei 500–1.500 Euro für ein typisches Mehrfamilienhaus und sind gut investiert: Ein Sachverständiger erkennt Schäden, die dem Laien verborgen bleiben — etwa Feuchtigkeitsschäden hinter Verkleidungen, Korrosion an verdeckten Leitungen oder Risse in der Tragstruktur.
Schritt 2: Erneuerungszeitpunkte prognostizieren
Für jedes Bauteil wird der voraussichtliche Erneuerungszeitpunkt berechnet:
``` Voraussichtliches Erneuerungsjahr = Baujahr + Technische Lebensdauer ```
Korrigieren Sie den Wert nach oben, wenn der aktuelle Zustand besser ist als altersgemäß. Korrigieren Sie nach unten, wenn bereits Schäden erkennbar sind.
Schritt 3: Kostenplanung pro Jahr
Tragen Sie die geschätzten Erneuerungskosten in eine Jahresübersicht ein. So wird sichtbar, welche Jahre besonders kostenintensiv sind. Versuchen Sie, Spitzen zu glätten, indem Sie Maßnahmen nach vorne oder hinten schieben, sofern die Priorität das zulässt.
Beispiel: 10-Jahres-Plan MFH Berlin-Steglitz (12 WE, Baujahr 1985)
| Jahr | Maßnahme | Gewerk | Prio | Kosten (netto) | |------|----------|--------|------|---------------| | 2026 | Heizungsanlage erneuern (Gas-Brennwert, 40 Jahre alt) | Heizung | Dringend | 28.000 € | | 2026 | Zirkulationspumpe + Regelung | Heizung | Dringend | 4.500 € | | 2027 | Fassadenanstrich + Balkoninstandsetzung | Fassade | Geplant | 65.000 € | | 2027 | Briefkastenanlage erneuern | Außen | Optional | 3.200 € | | 2028 | Dachentwässerung erneuern (Rinnen, Fallrohre) | Dach | Geplant | 12.000 € | | 2028 | Klingelanlage/Gegensprechanlage | Elektro | Geplant | 6.500 € | | 2029 | Fenster EG + 1. OG erneuern (Kunststoff, 1990) | Fenster | Geplant | 42.000 € | | 2030 | Fenster 2. OG + 3. OG erneuern | Fenster | Geplant | 42.000 € | | 2030 | Trinkwasserleitung Steigstränge (verzinkt, 1985) | Wasser | Dringend | 35.000 € | | 2031 | Flachdach Nebengebäude (Müllraum/Fahrrad) | Dach | Geplant | 8.000 € | | 2031 | Beleuchtung Gemeinschaftsflächen (LED-Umrüstung) | Elektro | Optional | 3.500 € | | 2032 | Aufzugssteuerung + Kabine | Aufzug | Geplant | 38.000 € | | 2033 | Abwasserleitungen Keller (Guss, 1985) | Abwasser | Geplant | 22.000 € | | 2034 | Außenanlagen: Pflaster, Stellplätze | Außen | Optional | 18.000 € | | 2035 | Zähleranlage/Hauptverteilung | Elektro | Geplant | 12.000 € |
Gesamtkosten 10 Jahre: ca. 339.700 € Durchschnitt pro Jahr: ca. 33.970 € Pro m² und Jahr: ca. 36,92 €
Tipp: Nutzen Sie den Excel-Rechner am Ende dieses Artikels fuer Ihre eigene Kalkulation.
Schritt 4: Rücklagenabgleich
Vergleichen Sie den geplanten Mittelbedarf mit der vorhandenen Rücklage und der jährlichen Zuführung:
``` Vorhandene Rücklage (Anfang 2026): 85.000 € Jährliche Zuführung (aktuell): 24.000 €/Jahr Geplanter Bedarf über 10 Jahre: 339.700 € Verfügbar über 10 Jahre: 85.000 + (24.000 × 10) = 325.000 € Fehlbetrag: 14.700 € ```
In diesem Beispiel reicht die aktuelle Rücklage knapp nicht aus. Die jährliche Zuführung müsste um ca. 1.500 €/Jahr erhöht werden — oder einzelne Maßnahmen müssen zeitlich verschoben werden.
6. Rücklagenberechnung für WEG-Verwaltungen
Ordnungsmäßige Verwaltung nach §19 WEG
§19 Abs. 2 Nr. 4 WEG verpflichtet den Verwalter, eine angemessene Erhaltungsrücklage anzusammeln. „Angemessen" ist ein unbestimmter Rechtsbegriff, der durch die Rechtsprechung konkretisiert wird. Als angemessen gilt eine Rücklage, die vorhersehbare Instandhaltungsmaßnahmen finanzieren kann, ohne dass Sonderumlagen erforderlich werden.
Berechnungsmethoden im Vergleich
Methode 1: Peters-Formel (siehe oben) Vorteil: Einfach, schnell berechenbar. Nachteil: Keine bauteilspezifische Differenzierung.
Methode 2: II. BV-Pauschale 7,10 €/m² (Bezugsfertigkeit vor 1970) bzw. 9,21 €/m² (ab 1970). Mit Aufzug: Zuschlag von 1,00 €/m². Vorteil: Gesetzlich definiert. Nachteil: Seit Jahrzehnten nicht angepasst, in der Praxis viel zu niedrig.
Methode 3: Bauteilbezogene Kalkulation (empfohlen) Basierend auf dem 10-Jahres-Plan: Alle geplanten Maßnahmen werden summiert und auf die jährliche Zuführung umgerechnet. Diese Methode ist die genaueste, weil sie den tatsächlichen Zustand des Gebäudes berücksichtigt.
Die passenden Arbeitsmaterialien stehen Ihnen im Download-Bereich kostenlos zur Verfuegung.
Empfehlung für die WEG-Versammlung
Legen Sie den 10-Jahres-Plan in der Eigentümerversammlung vor und begründen Sie die Rücklagenhöhe mit konkreten Maßnahmen und Kosten. Ein pauschaler Verweis auf die Peters-Formel überzeugt weniger als ein Plan, der zeigt: „In drei Jahren steht die Heizungserneuerung an, das kostet 28.000 Euro."
7. Sonderthema: Instandhaltung vs. Modernisierung
Die Abgrenzung
Die Unterscheidung zwischen Instandhaltung und Modernisierung hat erhebliche rechtliche und finanzielle Konsequenzen:
Instandhaltung/Instandsetzung (§555a BGB): Wiederherstellung des vertragsgemäßen Zustands. Kosten trägt der Vermieter aus Rücklage oder laufenden Einnahmen. Keine Mieterhöhung möglich.
Modernisierung (§555b BGB): Maßnahmen, die den Wohnwert nachhaltig erhöhen, Energie einsparen oder nachhaltiges Klima schützen. Kosten können über §559 BGB auf die Miete umgelegt werden (8 % der Kosten jährlich).
Das Mischkosten-Problem
In der Praxis sind die meisten größeren Maßnahmen Mischfälle. Der Austausch einer 30 Jahre alten Heizungsanlage ist zum Teil Instandsetzung (Wiederherstellung der Funktionstüchtigkeit) und zum Teil Modernisierung (höherer Wirkungsgrad, geringerer Energieverbrauch). Die Verwaltung muss den Instandsetzungsanteil herausrechnen — er darf nicht auf die Miete umgelegt werden.
Tipp: Scrollen Sie zum Download-Bereich fuer alle Vorlagen und Checklisten zu diesem Thema.
Faustregel für den Instandsetzungsanteil
Kosten für die funktionsgleiche Erneuerung (gleiche Leistung, gleicher Standard) = Instandsetzung. Mehrkosten für besseren Standard (höherer Wirkungsgrad, bessere Dämmwerte, zusätzliche Funktionen) = Modernisierung.
8. Dokumentation und Fortschreibung
Lebendiges Dokument, kein Schubladenplan
Ein Instandhaltungsplan ist nur so gut wie seine letzte Aktualisierung. Planen Sie eine jährliche Überprüfung ein:
Wurden geplante Maßnahmen umgesetzt? Zu welchen Kosten?
Haben sich Bauteile schneller verschlechtert als erwartet?
Sind neue Schäden aufgetreten, die in den Plan aufgenommen werden müssen?
Hat sich die Rücklage wie geplant entwickelt?
Was in die Dokumentation gehört
Für jedes Bauteil sollte die Dokumentation enthalten:
Bauteilbeschreibung und technische Daten (Hersteller, Typ, Leistung)
Baujahr oder Installationsjahr
Alle durchgeführten Wartungen und Reparaturen mit Datum und Kosten
Fotos des aktuellen Zustands (jährlich aktualisiert)
Geplanter Erneuerungszeitpunkt und geschätzte Kosten
Prüfberichte und Sachverständigengutachten
Alle Arbeitshilfen zu diesem Artikel finden Sie gebuendelt im Download-Bereich am Ende.
Digitale Führung
Spreadsheets funktionieren für kleine Bestände. Ab 10 Objekten wird die manuelle Pflege fehleranfällig. Spezialisierte Verwaltungssoftware bietet Bauteilkataloge mit hinterlegten Lebenszyklen, automatische Fristenberechnung und verknüpfte Kostenverfolgung.
MieterOS bildet die Instandhaltungsplanung unter Objekt → Bauteile ab. Hinterlegen Sie Bauteile mit Lebenszyklus, verknüpfen Sie Wartungsverträge und lassen Sie sich automatisch an fällige Erneuerungen erinnern.
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